Steißbeinschmerzen

Steißbein- oder Coccyxdysfunktion und deren Auswirkung

Die Steißbein- oder Coccyxdysfunktion wurde bisher in keiner mir bekannten Literatur ausführlich beschrieben. Diese Abhandlung soll ein Versuch sein, dieses komplexe Krankheitsbild zu beschreiben und eine Vorstellung davon geben, welche Folgen daraus entstehen können.
Das Steißbein gewinnt darin eine zentrale Stelle im Aufbau der Körperstatik. Durch seine Verbindung mit dem gesamten Beckenboden und den damit konjugierenden Organen, Nerven und Faszien kann es bei einer Dysfunktion den ganzen Körper beeinflussen.
In der Schulmedizin wird das Steißbein in seiner Funktion fast nicht beachtet. Daher gibt es auch sehr selten nur Röntgenbilder, auf denen das Os Coccyx nicht abgeschnitten oder ausgeblendet wird.
In meiner Praxis stelle ich sehr häufig fest, dass hinter vielen rezidivierenden Wirbelsäulenproblemen eine Steißbeinproblematik liegt. Anamnesetisch lässt sich dann auch sehr oft ein diesbezügliches Trauma nachvollziehen, das aber immer einige Jahre vor der Krankheitsodyssee entstanden ist.
Ich möchte mit dieser Abhandlung den Leser neugierig machen, das Steißbein mit zu untersuchen und Zusammenhänge zu manchen "Therapieresistenzen" oder "unklaren Krankheitsbildern" zu finden.

1. Allgemeine Beschreibung des Krankheitsbildes

Die Coccyxdysfunktion oder auch Coccygodynie ist eine funktionale und schmerzhafte Affektion des Steißbeines, das durch seine faszialen, ligamentären und muskulären Verbindungen einen Einfluss auf die Biomechanik des gesamten Beckens und damit auf die Gesamtkörper-statik hat.
In über 80% der Fälle findet man eine Dysfunktion des Os coccyx nach anterior. Dies zeigen Studien in meiner Praxis, sowie Erfahrungen und Aussagen von Kollegen die ebenfalls das Steißbein in ihrer Praxis immer mituntersuchen. Das sacro-coccygeale Gelenk kann sich mehr oder weniger fixieren als Folge einer fibrotischen Retraktion des weichen Gewebes.

Die Coccyxdysfunktion als Krankheitsbild hat viele verschiedene klinische Symptome:

  • Schmerzen am Steißbein oder im Beckenboden beim längeren Sitzen
  • durch die Fehlstatik im Becken, Auswirkung auf die Gesamtkörperstatik (HWS-, BWS-, LWS-Dysfunktionen)
  • rezidivierende ISG-Blockaden
  • uro-genitale Beschwerden (Miktions-, Defäkationprobleme,Inkontinenz, Cystitis, Prostatitis, Uro-genitale Ptose, Probleme beim Sexualverkehr)
  • Probleme der arteriellen und venösen Versorgung (Krampfadern, Hämorrhoiden, häufige bakterielle oder Pilzinfektionen)
  • Störungen im primär respiratorischen Mechanismus (PMR)

2. Ursachen

Primär Traumatisch

Die Coccyxdysfunktion ist meist eine primär traumatische Dysfunktion. Durch einen Sturz auf das Steißbein (beim Schlittschuhlaufen, Inlinern, beim Turnen, Sturz von der Schaukel oder Treppensturz etc.). Dieses Trauma kann erfahrungsgemäß auch schon sehr lange her sein, da der Körper lange Zeit das Trauma kompensiert und die Beschwerden erst mit der Zeit durch Aufbau einer erhöhten muskulären Spannung und fibrotischen Retraktion des weichen Gewebes entstehen.

Sekundär Traumatisch

Durch Geburt oder Operationen (Dammschnitt, Prostata-OP, Rectoskopie etc.) und den damit verbundenen Verletzungen oder Vernarbungen kann es ebenfalls zu einer Coccyxdysfunktion kommen.

Emotional Traumatisch

Emotionale (psychogene) Traumata (z.B. Missbrauch) oder Dauerstress mit oder ohne Angstkomponente können ebenso, durch die daraus folgende Verspannung in der Beckenbodenmuskulatur zu einer Steißbeindysfunktion führen.

3. Anatomie

Kreuzbein und Steißbein sind synchondrotisch miteinander verbunden; die knöchernen Endflächen sind elliptisch mit einem größeren queren Durchmesser.

Eine Lateralansicht zeigt, das der Apex des Kreuzbeins konvex, die kraniale Fläche des Steißbeins konkav geformt ist. Diese beiden Elemente werden durch eine Bandscheibe sowie durch periphere Bänder verknüpft. Die Ligamente bilden drei Gruppen: eine vordere, eine hintere und eine laterale Gruppe.

Die Ventralansicht zeigt das Os coccyx (1), welches aus drei bis vier miteinander verschmolzenen knöchernen Elementen besteht, sowie das Os Sacrum (2) und das Ligamentum sacrococcygeum ventrale (4).
Auf der Ventralseite des Kreuzbeines läuft das Ligamentum longitudinale anterius (3) aus und setzt sich in das Ligamentum sacrococcygeum ventrale fort. Desweiteren sind drei lateral ziehende Ligamenta sacrococcygea (5,6,7) zu erkennen.

Die dorsale Ansicht zeigt Bandausläufer auf der Crista sacralis mediana (8), die in den Ligamenta sacrococcygea dorsalia profundum und superficiale (9) endigen.

 

 

Zur näheren Veranschaulichung noch ein paar anatomische Zeichnungen

- ventrale Ansicht (durch Klicken Vergrößert sich das Bild)

- dorsale Ansicht

 

Zwischen Kreuz- und Steißbein können physiologisch Flexions- und Extensionsbewegungen stattfinden. Bei Dysfunktionen ist das Os coccyx meist lateral gekippt und leicht rotiert.
In der Beckenansicht von ventral sieht man die ligamentäre Verbindung des Steißbeins mit der Spina ischiadica durch das Lig. Sacrospinale (6) und eine Verbindung zum Tuber ischiadicum durch das Lig. Sacrotuberale (7) sowie eine Verbindung zum ISG durch Teile der Ligamenta Sacroiliaca dorsalia (5) die man in der Beckenansicht von dorsal erkennt.

Fast alle weichen Gewebe des kleinen Beckens finden einen Ansatz an dem Os Coccyx. 

  • Lig. ano-coccygeus
  • Lig. sacro-tuberale
  • Lig. sacro-spinale

  • M. coccygeus
  • M. levator ani
  • M. iliococcygeus
  • M. ischiococcygeus
  • M. puborectalis

  • einige Fasern des M. gluteus maximus
  • einige Fasern von den sacro-recto-genito-puberalen Aponeurosen

  • Fascia praesacralis
  • Fascia pevis
  • Fascia diaphragmatis urogenitalis
  • Fascia perinei
  • und über die Lamina sacro-recto-genito-pubicais zu fast allen Strukturen des kleinen Beckens.

 

4. Dysfunktionsmechanismus 

Strukturelle Ebene

Durch eine Distorsion des sacro-coccygeal Gelenks kommt es reflektorisch zu einer asymmetrischen Verspannung der Beckenbodenmuskulatur. Erhöhte muskuläre Spannung und fibrotische Retraktion des weichen Gewebes entstehen.

Das Sacrum kann durch die erhöhte Spannung seine physiologische Nutation und Kontranutation nicht mehr machen, sondern kippt durch den erhöhten einseitigen Zug am Steißbein zu einer Seite ab. Je nach Trauma kommt es dadurch meist zu einer R/L- oder L/R- oder bilateralen Sacrum-Extensionsdysfunktion.

Darauf aufbauend kommt es zu kompensatorischen LWS-, BWS-, HWS-Dysfunktionen, um das Gleichgewicht wieder zu erlangen. Durch die entstandene ISG-Problematik kommt es dann auch zu Innen- oder Außen-rotation des Beckens mit ihrer Auswirkung auf die untere Extremität.

Viscerale Ebene

Wenn das Os coccyx sich der Symphysis pubis nähert, entspannen sich die muskulo-aponeurotische-ligamentären Fasern, wodurch das muskulo-perianale System seinen Tonus verlieren wird. Dadurch können Störungen in der Miktion und Defäkation auftreten, sowie Probleme bei der Erektion und dem Sexualverkehr. Die genitalen Funktionen können gestört sein, denn das Perineum spielt eine große Rolle bei der genitalen Vaso-motrizität. Z.B. die utero-vaginale Mobilität beim Orgasmus: der Durchmesser der Vagina ändert sich, 2/3 der inneren Fasern verlängern sich während das äußere Drittel der Wand sich zusammen zieht und seinen Durchmesser verringert, der Uterus vertikalisiert sich. Dies ist nur ein kleiner Teil der utero-vaginalen Mobilität, um dies zu gewährleisten müssen alle mobilen Strukturen effizient arbeiten können. So kann ein Sturz auf das Steißbein bei der Frau Schmerzen beim Verkehr verursachen. Genauso kann es durch die erhöhte Spannung in Teilen des Becken-bodens zu vasculären oder neuralen Irritationen und Beeinträchtigungen kommen. Beispiel hierfür sind Reizungen des N. Ischiadicus oder des Plexus sacralis und Venenstauungen im Becken und Beinbereich, sowie Minderversorgung der Versorgungsgebiete der A. iliaca externus u. internus.

Cranio-Sacrale Ebene

Die Wirbelsäule führt Bewegungen aus, die mit den Flexions-Extensionsbewegungen der Schädelknochen synchron sind. Diese Bewegung wird durch die Dura mater übertragen. Die Dura mater ist in ihrem caudalen Abschnitt in Form des Lig. Coccygis mit der Basis des Steissbeins verbunden. Durch die Fixation des Sacrums in einer respiratorischen Flexion (biomechanisch Extension) kann es zu Störungen des Cranio-sacralen Rhythmus kommen. Somit gibt es eine direkte fasziale und indirekte biomechanische Verbindung zum Cranium. Störungen des Os coccyx können somit zu Symptomen führen, die weit von der eigentlichen Dysfunktion entfernt sind.

Die Wirbelsäule aus Sicht der Osteopathie, J.-P. Richard, Verlag für Osteopathie

5. Befunderhebung

  • Anamnestisch: Sturz, Unfall, schwierige oder anstrengende Geburt
  • Ein deutlicher Hinweis: der Patient hat Schmerzen beim sitzen !!!
  • Cystits, Schwierigkeiten beim sexuellen Kontakt, Uro-genitale Ptose
  • Inkontinenz, beim Mann: Prostatitis - Hämorrhoiden können Hinweise sein.
  • CT, MRT oder Ultraschall können zwar für eine differenzial-diagnostische Abklärung (Tumor) sinnvoll sein, bringen aber bei der typischen Coccxysdysfunktion wenig.
  • Palpation und Mobilitätstest die hier näher beschrieben werden

6. Mobilitätstest

Externer Weg:

Patient im Sitz, Beine hängen und sind leicht gespreizt. Mit dem Indexfinger der Analfalte folgen, weit nach vorn bis ungefähr 1 cm hinter dem Anus. Dann auf den untersten Punkt des Coccyx eine leichte Flexion nach anterior und cranial ausüben. Wenn eine Dysfunktion besteht: lebendiger, heftiger Schmerz!!!

Bei positivem Befund müssen weitere manualtherapeutische Untersuchungen von einem auf Steißbeindysfunktionen spezialisierten Therapeuten folgen !!!

7. Therapie

  • Mobilitätsverbesserung des Sacrums und des Os coccygis gegenüber dem Sacrum.
  • Mobilitätsverbesserung des umgebenden Gewebes
  • Triggerbehandlung
  • Behandlung der Gesamtkörperstatik

Nach der Normalisation sollte der Patient noch eine halbe Stunde Spazieren gehen. Wichtig ist das der Patient danach sein Beckenboden entlastet. Kein Fahrradfahren am selben Tag, kein langes Sitzen

8. Schulmedizinische Behandlungsansätze

Die Schulmedizin kennt eine Coccyxdysfunktion nicht !!!

Hier wird das Krankheitsbild unter Kokzygodynie eingestuft. Dabei wird die Krankheitsursache als Neuralgie oder im psychosomatischen Bereich gesehen.

Siehe:
http://www.medicine-worldwide.de/krankheiten/schmerz/kokzygodynie.html

"Als Ursache der Kokzygodynie kommt - zum Beispiel durch einen Sturz auf das Gesäß oder eine schwere Geburt verursacht - eine Neuralgie oder eine psychosomatische Erkrankung in Betracht."

"Auch andere zentralnervöse Strukturen können irritiert oder geschädigt und somit Ursache der Neuralgie sein. Der eigentliche Schmerzrezeptor ist dagegen von der Schädigung nicht betroffen. Obgleich der prinzipielle Mechanismus einer Neuralgie bekannt ist, lässt sich eine organische Ursache des Schmerzes beim Patienten nicht immer ermitteln. Daraus erwachsen bedeutende Konsequenzen für die Therapie. Sie kann aus den genannten Gründen oft keinem kausalen Ansatz folgen, sondern muss sich nach dem konkreten Schmerzort und dem Schmerzsymptom richten."

"Bei Männern besteht ein Zusammenhang zu einer psychosomatischen Erkrankung des kleinen Beckens und des Urogenitaltraktes. Man spricht hierbei auch von Urogenitalsyndrom oder Beckenbodenmyalgie. Der Schmerz hat hier zusätzlich den Charakter eines Spannungsgefühls. Die Ursache dieser psychosomatischen Erkrankung ist eine sogenannte zwangsneurotische Persönlichkeitsstruktur. Eine solche Zwangsneurose entsteht, wenn im psychologischen Entwicklungsstadium der analen Phase eine verfrühte und überstrenge Sauberkeitserziehung erfolgt. In der analen Phase erlernt das Kind, seinen Schließmuskel zu kontrollieren. Die Sauberkeitserziehung ist mit dem Konflikt zwischen "Herausgebensmüssen" und "Zurückhaltenswollen" verbunden. Durch Erziehungsfehler kann es beim Kind zu Störungen innerhalb des normalen biologischen Rhythmus kommen, die sich dann auch organisch manifestieren können.

Auch bei der Frau wird eine neurotische Reaktion als Schmerzursache angenommen. Jedoch liegt das Gewicht eher auf unbewussten oder ungelösten Konflikten sowie der Reaktion auf besondere lebensgeschichtliche Zusammenhänge. Diese inneren Konflikte werden auf den Organismus übertragen (somatisiert) und äußern sich dann in den körperlichen Beschwerden. Die Konfliktbereiche können in der Partnerbeziehung, in Überforderung oder mangelnder Fähigkeit zur Abgrenzung oder in der Nichtverarbeitung von Trennungs- oder Verlustsituationen liegen.

Allen Patienten ist gemeinsam, dass sie für den Arzt sehr unattraktiv sind, weil sie sich stets klagend präsentieren und gegen alle Therapieversuche resistent zeigen. Wegen der fehlenden Organdiagnose bei zahlreichen vorausgegangenen Arztbesuchen fühlen sie sich in ihrem Leiden häufig nicht ernst genommen. Daher ist es schwierig, einen therapeutischen Zugang zu finden. Entsprechend groß ist die Gefahr einer negativen Gegenübertragung für den behandelnden Arzt."

"Die Behandlung neuralgischer Schmerzen ist schwierig und oft nicht von dauerndem Erfolg gekrönt. Dies trifft besonders dann zu, wenn eine organische Ursache für das Symptom nicht aufgedeckt werden konnte. Dann bleibt nur eine Behandlung des Symptoms übrig. Darüber hinaus ist man oft gezwungen, verschiedene Verfahren zu erproben. Zur medikamentösen Behandlung neuralgischer Schmerzen kommen bestimmte Antiepileptika in Frage. Ferner kann man den Schmerz durch wiederholte lokale Injektionen mit Lokalanästhetika bekämpfen, nicht selten auch mit bleibendem Erfolg.

Bei der psychosomatischen Behandlung kommt es darauf an, den Patienten mit seinem von ihm ganz real empfundenen Schmerz ernstzunehmen. Ferner soll versucht werden, den Patienten von seiner Fixierung auf eine organische Schmerzursache abzubringen. Ziel ist es, seine Krankheitssicht in Richtung auf eine psychologische Sichtweise zu verändern. Als weiterführende Maßnahmen kommen eine psychosomatisch ausgerichtete Einzel- oder Paarbehandlung in Frage.

Allgemeine Maßnahmen zur Entspannung, Wärmebehandlung oder Sitzbäder können die Beschwerden zusätzlich lindern."

Aus dem oben zitierten wird klar, dass die Schulmedizin dem Krankheitsbild "Coccyxdysfunktion" oder "Kokzygodynie" eher hilflos gegenübersteht und daher die Behandlungsansätze nur symptomatisch sind!

Nachtrag:

Wir bekommen jeden Tag Anfragen nach ähnlich arbeitenden Therapeuten.

Wir haben uns auf die Behandlung von Steißbeinproblemen spezialisiert. Da wir hier in der Praxis viele verschiedene Behandlungsmethoden kombinieren, sind wir wohl einzigartig auf diesem Gebiet. Uns sind keine anderen Therapeuten bekannt, die so oder ähnlich arbeiten und können daher leider keine Information geben.

Für eine Terminabsprache wenden Sie sich bitte telefonisch unter 0451-79 80 99 an Frau Weinmann oder Frau Palasz. Sie werden Ihnen gerne weiter helfen.